Aufgeblättert

Kultur | aus FALTER 39/99 vom 29.09.1999

Ich habe bei Macy's als Kobold von Santa Claus gearbeitet - das qualifiziert einen ja wohl hinreichend als Versager. Es ist so ziemlich die Definition von Versager", gestand David Sedaris im Falter-Interview (5/99) anlässlich des Erscheinens seines Bestsellers "Nackt". In dem rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erscheinenden Bändchen "Holidays on Ice", kann man Sedaris' Erlebnisse als "Ganztagszwerg" "Moppel" nun nachlesen. Er sieht berühmte Leute (Phil Collins!), lernt viele Zwerge kennen, die früher mal in Maklerbüros und Werbeagenturen gearbeitet haben, und auch die Geschäftsführung ist um das Selbstwertgefühl ihrer Zwerge besorgt: "Vergessen Sie bitte eins nicht: SIE SIND NICHT DER SKLAVE DES WEIHNACHTSMANNS." Am besten gefällt Moppel aber Schneeball - der leider mit allen flirtet: "Schneeball macht einfach Zwerge scharf, Zwerge und Weihnachtsmänner. Schneeball spielt ein gefährliches Spiel."

Die restlichen vier Weihnachtsgeschichten enthalten keine autobiografischen Berichte, sondern Rollenprosa ziemlich fragwürdiger Charaktere. Zum Beispiel von Jocelyn Dunbar, die sehr viele Rufzeichen verwendet, um darzustellen, wie bescheuert das textil stets schwer unterversorgte 22-jährige Produkt eines vietnamesischen Fehltritts ihres Gatten ist - insbesondere was Säuglinge und Waschmaschinen betrifft, die Que Sanh Dunbar sehr unvorteilhaft kombiniert. Ähnlich glaubhaft ist Jim, der von der Kanzel herab versucht, sich die TV-Rechte an einer Geschichte über eine mit einem rostigen Taschenmesser bewerkstelligte Nierentransplantation zu sichern. Auch die harsche Rezension eines Schülerkrippenspiels ist rhetorisch ähnlich overdone. All das ist durchschaubar, völlig unplausibel und - sehr lustig. Harry Rowohlt hat übersetzt und, wie man annehmen darf, einiges verbessert. K. N.

David Sedaris: Holidays on Ice. Aus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt. Zürich 1999 (Haffmans). 127 S., öS 178,-


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