Aufgeblättert

Klaus Taschwer | Kultur | aus FALTER 40/99 vom 06.10.1999

Erst vor wenigen Wochen war Adalbert Stifter wieder in aller Munde: Seine eindrucksvolle Schilderung der Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842 fand sogar ihren vollständigen Nachdruck im sonntäglichen Kleinformat. Umfangreichere Naturbeschreibungen des großen oberösterreichischen Schriftstellers sind in Romanen wie "Der Nachsommer" (1857) oder im Erzählungsband "Bunte Steine" (1853) nachzulesen, in dessen Vorrede er sein "sanftes Gesetz" formulierte, das für ein maßvolles Einfügen in den Kosmos der Natur eintrat. Das eher traurige Leben des hauptberuflichen Landesschulinspektors sah allerdings anders aus: Der Prediger der Enthaltsamkeit fraß und soff sich buchstäblich zu Tode.

Sein engerer Landsmann Kurt Palm hat sich nun auf eine verdienstvolle Spurensuche nach den Speiseresten in Stifters Werk gemacht. Fündig wurde er vor allem in dessen Tagebüchern und seinen Briefen, die vor Aufzeichnungen über Verzehrtes und wieder Ausgeschiedenes nur so strotzen. Unter dem Titel "Suppe Taube Spargel sehr sehr gut", einem typischen Zitat aus diesen eher grotesken Fress- und Scheißprotokollen, rekonstruiert Palm die exzessiven Ess- und Trinkgewohnheiten Stifters sowie die Vorlieben des Gourmands ("Thee mit Haselhuhn sehr sehr sehr gut" ...). En passant erfährt man aber auch Aufschlussreiches über weitere Laster des Dichters und die Küche des 19. Jahrhunderts. Garniert ist das wohlfeile Büchlein mit etlichen wertvollen Rezepten für den Hausgebrauch; einzig vor dem Nachkochen der Auerhenne ("einfach grauslich") wird gewarnt.

Kurt Palm: Suppe Taube Spargel sehr sehr gut. Essen und trinken mit Adalbert Stifter. Ein literarisches Kochbuch. Wien 1999 (Löcker). 135 S., öS 198,Die Präsentation des Buches findet am 8.10., 19 Uhr, im Semper-Depot (6., Lehargasse 6) statt.


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