Stadtrand: Ich will Brot

Stadtleben | aus FALTER 41/99 vom 13.10.1999

Es ist nun einmal so: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Auch kleine charmante Gespräche sind notwendig. Wer macht das Aufstehen im Morgengrauen licht? Meine gute Bäckersfrau. Unsre kleinen Dialoge: resch wie eine Semmel, gesund wie ein Kornweckerl, staubzuckerbestreut wie ein Krapfen. Diese Lust, dann zu sagen: "Ein Laugenweckerl, bitte." Und zum Abschluss immer ihre Stimme, genauso warm dampfend wie die frisch gebackenen Semmeln: "Schönen Tag, bis morgen." Es knistert dann mein Papiersäckchen mit ihren Köstlichkeiten in den Händen.

Doch seit geraumer Zeit staubts nur noch zwischen uns. Fremden Leuten auf der Straße teile ich nicht mehr ungefragt mit, dass diese Köstlichkeiten meine Bäckerin buk. Ich schweige nur mehr. Auch bei ihr im Geschäft. Ich deute nur mehr. Ich kann das Brot nicht mehr beim Namen nennen. Unsere Beziehung ist ernsthaft gefährdet. Der Zeigefinger deutet, der erhobene Daumen sagt "einmal". "Bitte" sagt niemand mehr. Dann sie, so supermodern: "Ein Radio-Wien-Weckerl." Oder: "Ein Ö3-Weckerl." Oder: "Ein Käse-Softy."

Himmelherrgottsakra, ich will Brot. Keine Radiosender oder ranzigen Wortungetüme zum Frühstück. Ich will Brot. Und meine alte Bäckerin. Wo. Pa.


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