Stadtrand: Und wann ist Herbst?

Stadtleben | aus FALTER 42/99 vom 20.10.1999

Es geschah vergangenen Montag. Montag, sechs Uhr morgens, habe ich kapituliert und die Heizung angeworfen. 17,8 Grad Celsius Innentemperatur und Eisblumen am Badezimmerspiegel können recht überzeugend sein.

Ich heize allerdings unter Protest. Denn: Wurden wir nicht alle um eine Jahreszeit betrogen? Was wurde aus dieser liebgewonnenen Gewohnheit, zwischen Sommer und Winter einen Herbst einzuschieben? Einen mit laukühlen Temperaturen, beschaulichen Sonntagsspaziergängen durch knöcheltiefes Laub in Rot und Gold, Drachensteigen und letzten Schanigartenbesuchen in mittäglicher Sonnenwärme? Jene Jahreszeit also, in der sich Mensch, Tier und Pflanzenwelt sanft an die bevorstehenden Schneestürme und Minustemperaturen gewöhnen konnten? In der man ausreichend Zeit hatte, die Wintergarderobe des Vorjahres hervorzuholen und durch ausgiebige Samstagsspaziergänge aufzustocken? Bitte, wann kann man heutzutage überhaupt noch schicke neue Übergangsmäntel aus Venedig tragen?

Irgendwer ist offensichtlich der Meinung, dass Herbste und Frühlinge Zeitvergeudung sind. Ich persönlich habe ja die Ölmultis schwer im Verdacht. Die Wintergarderobe kommt mir trotzdem noch nicht aus dem Schrank. S. N.


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