Streifenweise

Kultur | Isabella Reicher | aus FALTER 44/99 vom 03.11.1999

Die Spur einer Erzählung, hinter löchrigen Farbflecken noch zu erahnen, ruckelt über die Leinwand. Leuchtendes Rot, Gelb- und Grüntöne, "Übermalung", Überlagerung und Aushöhlung von Bildern zugleich. "Stadt in Flammen" heißt der kurze Film aus dem Jahr 1984, das Bild kocht gewissermaßen, es wölbt sich auf und verlischt, und die vielschichtigen Bilder, die so entstehen, sind fremd und dabei eigentümlich reizvoll. Der deutsche Filmemacher Jürgen Reble arbeitet in und mit den Schichten des filmischen Bildes. Er unterzieht den (häufig bereits belichtet vorgefundenen) Bildträger - und damit auch die Tonspur - chemischen Behandlungen oder setzt ihn einfach im Freien der Witterung aus und erzielt so jene Effekte, die man üblicherweise höchstens als Patina historischer Filmaufnahmen zu sehen bekommt und die im Zuge von Archivierung und Restaurierung alter Filmbestände möglichst wieder rückgängig und unsichtbar gemacht werden sollen. Während sich vergangene Zeit dort sozusagen doppelt eingeschrieben hat und dieser Prozess in erster Linie als Verfallserscheinung rezipiert wird, sieht Reble seine Bearbeitungen unter anderem als "Veredelung" und als prozesshafte Metamorphose, die die Bilder über die Montage hinaus in einen neuen Zusammenhang stellt. Trotzdem wird die Aura der Vergänglichkeit auch bei seinen Arbeiten wirksam.

"Chicago" (1996) ist eine subjektive Fahrt mit der dortigen Hochbahn, die durch verwitterte, ausgebleichte Wolkenkratzerschluchten führt und zeitlich ein wenig entrückt scheint. "Passion" (1990), eine sechzigminütige Super-8-Chronik des Jahres 1989, wirkt dagegen wie ein Science-Fiction-Naturfilm, eine gebündelte Sammlung von Aufnahmen aus einer äußeren Wirklichkeit, die die materielle Verfremdung distanziert, neu dimensioniert und verschoben hat. Die Sixpack-Reihe "In Person" stellt Jürgen Reble mit ausgewählten Arbeiten (10.11.) und der audiovisuellen Live-Performance "Tabula Smaragdina" (mit Thomas Köner, 11.11.) im Stadtkino vor (jeweils 20.30 Uhr).


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