Wien, ein blutender Witz

Essay Erinnerungen an meine Stadt, in der man das Lachen und das Sterben von der Pike auf lernt. Und die Hinausgeschmissenen eine seltsame Liebe zu den Hinausschmeißern bewahren.

Kultur | Robert Schindel | aus FALTER 45/99 vom 10.11.1999

Mein Wien ist ein nachblutender Witz. Es gibt keine witzigere Stadt als Wien, nicht einmal Tel Aviv. Der Witz dieser Stadt steigt die Wendeltreppe herauf, die im Inneren des Wienkörpers bis in nebelige Vorzeit hinunterführt, gedreht um eine nicht vorhandene Wirbelsäule, um durch die Goschen in Form eines melodiösen Rülpsers ins Tageslicht zu fahren, aber sofort wiederum im Gehorch der Wiener zu verschwinden. So stapelt und akkumuliert sich Monstrosität in winzigen Witzteilchen und fleischt sich den Einwohnern ein für alle Mal ein. Seit meinem vierten Lebensmonat lebe ich in dieser Stadt an der Donau und an der Wien und habe das Lachen von der Pike auf gelernt.

Mein erstes Gelächter Das erste Gelächter, das mir entgegenschoss, beinhaltete die Geschichte vom Judenbalg, den findige Kinderschwestern inmitten der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt vor den Zugriffen der Gestapo versteckten. Da lag der schwarzhaarige, nicht gerade unbenaste Säugling inmitten der blonden Engerln


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