Spielplan

Kultur | K.Cerny/W.Kralicek | aus FALTER 45/99 vom 10.11.1999

Die Musiker Christof Kurzmann und Oliver Stotz haben ihre Sache richtig gut gemacht. Hanns Eisler vollendete nur die Ouvertüre und zwei Gesangsnummern für Ernst Tollers im Exil geschriebene Boulevardkomödie "Nie wieder Friede", die das Schauspielhaus überraschend, aber nicht wirklich zwingend (taugt diese Krieg-und-Frieden-Revue wirklich als Zeitkommentar?) ausgegraben hat. Kurzmann und Stotz haben Eisler elektronisch umarrangiert und den Großteil der Musik überhaupt neu komponiert. Beim Schlussapplaus waren sie dennoch nicht dabei. Möglicherweise hat das Schauspielhaus-Chaos sie vertrieben, was verständlich wäre, aber trotzdem schade ist, denn wie sie das Ensemble zum Singen gebracht haben, ist sehr beeindruckend. Die Inszenierung wirkt, als hätte sie das (für die Schattentechnik zuständige) Kabinett-Theater besorgt: Die Bühne ist eine Spielbüchse, in der Scherenschnittfiguren hin- und hergeschoben werden (Weihnachten kommt bald!). Aber der Motor ist nur bis zur Pause aufgezogen.

Zweieinhalb Jahre nach "Hitler in Hawaii" steht nun auch der zweite große Böse des Jahrhunderts im Mittelpunkt einer Produktion des Österreichischen Theaters. "Stalin im Vatikan" heißt Robert Quittas neues Stück, wobei der Titel nicht wörtlich zu nehmen ist: Stalin war nie im Vatikan; immerhin aber besuchte er das Priesterseminar in Tiflis, und 1907 wollte er in einem armenischen Kloster bei Venedig als Mesner aufgenommen werden. In den Katakomben des Schottenstifts geistert Stalin (Michael Reiter) nun finster blickend, Weihrauch schwenkend und stumm durch eine Inszenierung, die als russisch-orthodoxe Messe beginnt und in ein "Requiem für den Sozialismus" (Untertitel) mündet: Fünf "Revolutionäre" (darunter Claudia Androsch und Gregor Seberg) beten anderthalb Stunden lang einschlägige Parolen herunter, am Ende fällt ein Stalin-Bild vom Sockel. Typisch Quitta: Wenn man schon glaubt, es geht nichts mehr, kommt auf einmal ein Theatermoment, wie man ihn nur hier erleben kann.


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