Bedient: Polizeifreundliches

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 46/99 vom 17.11.1999

Es gibt ein Dokument, das gibt das Amt gar nicht gern heraus: den "Gehbehindertenausweis". K. ist jung und bezieht, da er aufgrund multipler Sklerose stark gehbehindert ist, eine Berufsunfähigkeitspension. Manchmal macht er einen Ausflug ins Grüne. Mit Hilfe von Freunden schafft er die paar Schritte bis zum Aufzug. Vor der Tür wartet dann das Auto seines Freundes. Meistens in zweiter Spur. Anders geht es nicht. Manchmal kommt ein Polizist, zückt den Strafzettel und steckt ihn, wenn Herr K. erscheint, sofort wieder ein. "Das nächste Mal besorgen Sie sich einen Gehbehindertenausweis", bittet der Polizist und drückt ein Auge zu. Herr K. verfasst eine Eingabe: "An die MA 46: Antrag auf Ausstellung eines Gehbehindertenausweises nach Paragraph 29b der Straßenverkehrsordnung". Herr K. legt einen Befund des Neurologischen Krankenhauses und einen Bescheid der Pensionsversicherungsanstalt bei. Zwei Monate lang geschieht nichts. Dann kommt - erraten - eine amtliche Vorladung: Herr K. möge doch persönlich am Amt vorsprechen. "Ich kann wirklich nicht", antwortet Herr K. Er könne aber alle Befunde übersenden, die beweisen, dass er nicht gehen kann. Abgelehnt: "Sie müssen persönlich kommen", sagt ein Fräulein vom "Referat für Körperbehindertenbetreuung". Warum? Die von den Pensionsversicherungsanstalten hätten nämlich "ganz andere Kriterien". Erst unlängst "haben wir einen Oberschenkelamputierten gehabt. Der hat auch keinen Gehbehindertenausweis bekommen". Herr K. hat bis heute keinen Ausweis, was aber nichts macht, denn: "Die Polizisten sind behindertenfreundlicher als das Referat für Körperbehindertenbetreuung."

Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536!60-12, E-Mail: klenk@vienna.at


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