Standpunkt: Infektionsgefahr

Politik | aus FALTER 48/99 vom 01.12.1999

Wie viel Kriminalität kann man in einem Zuckerwürfel verpacken?", fragte sich weiland Heinrich Böll in einem Essay über die Bild-Zeitung. Hierzulande müsste nach der Ankündigung in Kärnten, nach einem einzigen Tbc-Fall alle Ausländerkinder untersuchen zu lassen, die Frage wohl lauten: "Wie viel Rassismus kann man in ein Bakterium stopfen?" Denn demnächst wird man nicht nur mit der größten Selbstverständlichkeit jeden Schwarzafrikaner fragen, ob er ein Drogendealer ist, sondern jeden anderen, "dem seine Herkunft eindeutig anzusehen ist" (J. Ratzenböck), welche ansteckende Krankheit er denn so mit sich herumträgt. Es könnte ja sein, dass ... oder nicht? Vielleicht wird man demnächst ausländerfreie Bars, ausländerfreie U-Bahn-Züge und ausländerfreie Schulen einrichten, um nicht angehustet zu werden. Und schließlich sollte man nur in das ausländerfreie Schwimmbad gehen, um den Fußpilz von sich fernzuhalten. Den Spielarten der Volksgesundheit sind keine Grenzen gesetzt. Kontaktaufnahme heißt schon Anstekkungsgefahr. Segregation wird als hygienische Notwendigkeit serviert - vakuumverpackt und keimfrei. Und dann, wenn der Mikrokosmos erobert ist, könnte man die Genstruktur unter die Lupe nehmen. Da wird sich wohl noch das ein oder andere Kainsmal finden lassen. P. V.


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