Bedient: Fenstergucker

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 49/99 vom 08.12.1999

Früher war in Wien vieles anders. Da wurden manchmal Frauen, die Kopftücher trugen, aus der Stadt rausgeschmissen, weil dies "einen mangelnden Willen zur Integration" bedeutete. Da wurden Familien des Landes verwiesen, weil nach der Geburt ihres Kindes "keine für einen Inländer ortsübliche Unterkunft mehr vorlag". Da wurden Menschen nach Jahren mit Aufenthaltsverbot belegt, weil sie dreimal zu schnell fuhren. Es ist still geworden um diese Fälle. Die Politik hat sich beruhigt. Nicht in Kärnten. Sie wissen, Kärnten. 42 Prozent. Herr S. lebt seit Jahren in Spittal an der Drau. Seine Frau, aus Sarajewo, wollte zu ihm ziehen und stellt einen Visumsantrag. Fast wäre es ihr gelungen. Sie hat aber nicht mit den Beamten der Bezirkshauptmannschaft Spittal an der Drau gerechnet. Wer nämlich zu seinem Mann ziehen will, der braucht eine ortsübliche Unterkunft. "Schaust amol noch", befiehlt der Bezirkshauptmann seinen Beamten. Die Beamten schwärmen zur Wohnung des Ehemannes aus. Was sehen sie: eine Wohnung mit Zimmer, Bad und Klo. Dann das: "In die Zimmereingangstür", so stellen die Kärntner Gesetzeshüter im Akt akribisch fest, "ist eine Milchglasscheibe eingearbeitet. Es ist dadurch jede Tätigkeit im Zimmer von außen erkennbar. Die familiäre Intimsphäre ist dadurch in keiner Weise gewahrt." Das Urteil der Beamten: "Das Zimmer entspricht daher nicht einer für einen Inländer ortsüblichen Unterkunft. Eine Niederlassungsbewilligung ist nicht zulässig. Es ist daher nach § 8 Abs. 5 und § 12 Abs. 1 Fremdengesetz spruchgemäß zu entscheiden." Milchglasscheiben als Ablehnungsgrund für ein Visum. Von Kärnten kann man wirklich noch lernen.

Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536!60-12, E-Mail: klenk@vienna.at


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