Körperbuch: Brustlektüre

Kultur | Oliver Hochadel | aus FALTER 50/99 vom 15.12.1999

Der König war erbost über seinen Minister, als dieser ihm seine künftige Schwiegertochter "unvollständig" beschrieb. "Und die Brüste? Das ist das erste, worauf man bei einer Frau schaut!" Die Perspektive Ludwig XV. auf das Wiener Mädel Marie-Antoinette darf wohl eine gewisse überhistorische Gültigkeit in Anspruch nehmen. Vergleichsweise neu ist der Versuch von Marylin Yalom, einen "weiblichen" Blick auf den Busen zu werfen. Was zunächst eine Rekonstruktion des "männlichen" Blicks erfordert. "Eine Geschichte der Brust" spannt einen weiten Bogen von den apfelgleichen Brüsten Evas über die stillende Madonna des Mittelalters bis zu den königlichen Mätressen in der Renaissance.

Noch die Aufklärung schwankt zwischen der mütterlichen und erotischen Brust, zwischen Nahrungs- und Freudenspenderin. Yalom zeigt aber auch die politische - die entblößte Brust als republikanisches Emblem seit der Französischen Revolution - und sehr ausführlich die medizinische Dimension auf. Im 20. Jahrhundert, in der die weibliche Brust als Werbeträgerin für US-amerikanische Kriegsanleihen und kugelförmige Obstsorten eingesetzt wird und kein Hochglanz- oder Schmuddelcover ohne sie auskommt, setzt auch die Gegenbewegung ein: Die "bra-burners" der Frauenbewegung, subversive Kunst (schwarzer Mann an weißer Brust) und Feminismus a la Madonna reklamieren den Busen für sich.

Yaloms Darstellung ist nie polemisch, aber doch engagiert und kritisch im Hinblick auf die Vereinnahmung der weiblichen Brust durch männliches Begehren und kapitalistische Verwertungsinteressen. Und trotz der Materialfülle betreibt sie keine Faktenhuberei. Die Frage nach den jeweiligen Bedeutungszuschreibungen und -verschiebungen sind der rote Faden, aus dem sie ein kulturhistorisch tragfähiges Korsett für ihren Gegenstand spinnt.

Marylin Yalom: Eine Geschichte der Brust. Aus dem Englischen von Olga Rinne. Hamburg 1999 (Marion von Schröder). 479 S., 98 Abb., öS 423,


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