28-mal Österreich

Kommentar Es gibt noch schlimmere Phrasen als "Sondierungsgespräche". Über die Verösterreicherung des neuen Jahrtausends.

Vorwort | Heidi Lackner | aus FALTER 51/99 vom 22.12.1999

Dezember in Wien ist eine Prüfung des Schicksals. Im Freien friert man, im Gasthaus schwitzt man; an jeder zweiten Straßenecke stinkt es nach überzuckertem Punsch, und die Radiostationen spielen ohne Unterbrechung "Last Christmas" vom nicht minder picksüßen George Michael.

In normalen Jahren kann man sich Nase und Ohren zuhalten und sich mit einem Stapel Zeitungen im Bett verbunkern. Was heuer nichts nützt, denn heuer kommt nach Weihnachten gleich das Millennium, also praktisch ein doppeltes Erdbeben der Zivilisation: Vor so etwas gibt es kein Entrinnen.

Kein Wunder, wenn die Menschen reihenweise in Grippe, Trunksucht oder Depression verfallen. Nur die Politiker kompensieren anders. Bei denen verursacht das nahende dritte Jahrtausend einen chauvinalen Fieberschub. Wo ein Volksvertreter, da eine Ansprache, und wo eine Ansprache, da passiert der Jahreswechsel nicht einfach, sondern er passiert "für Österreich".

Selbst für einen demokratiepolitischen Routineakt wie die Regierungsbildung


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