Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 03/00 vom 19.01.2000

... herrschte wegen emotionaler Bewegtheit eines "Kurier"-Kolumnisten eine ebensolche - nur mit umgekehrten Vorzeichen - bei "Falter"-Journalist Mischa Jäger.

"Kurier"-Humanismus "Endlich, endlich hats einer getan!", jubelt Hans Rauscher in seinem "Rau"-Kastel auf der Kurier-Titelseite vom 22.12.79. Der Täter: Kollege Wolfgang Broer. Der freudige Anlass: Broer hatte am Freitag zuvor den "Club 2" zum Thema "Stalin" demonstrativ verlassen, weil sich Volksstimme-Redakteurin Eva Priester in der Diskussion weigerte, Stalin als Massenmörder zu bezeichnen.

Ansonsten waren die Reaktionen der so genannten Öffentlichkeit auf dieses erstmalige Ereignis in der Geschichte des "Club 2" - mit Ausnahme einiger lobender Worte für den tapferen Journalisten in der Presse - auffallend dürftig. Selbst die sonst bei derartigen Anlässen so geiferfrohen Spaltenfüller des Kleinformats schwiegen. Bezeichnenderweise: KZ-Oberkolumnist Victor Reimann, der sich in diesem "Club" erstmals als Diskussions-Führer profilieren durfte, hatte Broers Exodus als "undemokratisches Verhalten" kritisiert. Dieses durch die "Club"-Etikette erzwungene Ausweichmanöver nach links (wegen Überholung von rechts) dann seinen Lesern noch schmackhaft zu machen, ohne die vom KZ-Publikum benötigte Mindestdosis Antikommunismus zu unterschreiten - eine tatsächlich unlösbar scheinende Aufgabe. Man stelle sich hingegen vor, es hätte Kurier-Chefredakteur Peter Rabl die Position Reimanns eingenommen und irgendein aufstrebender Kastelfüller aus der KZ statt Broer dem "Club" protestierend den Rücken gekehrt: ein Leckerbissen für die Krone! - Kurier-Jubel? Wohl kaum. Man stelle sich andererseits die Reaktionen beider Blätter bzw. der Presse überhaupt vor, wenn es z.B. um das Thema "Vietnam" gegangen wäre und ein Linker hätte die Diskussionsrunde verlassen, weil sich ein Journalist geweigert hätte, Richard Nixon als Massenmörder zu bezeichnen. So viel zum Thema Zeitungsmarkt und Moral.


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