Bedient: Mobile Menschen

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 03/00 vom 19.01.2000

Der Wiener Vizebürgermeister Bernhard Görg ist ein hilfsbereiter Mann. Jedem Bürger, der nach Wien reist und in der Wählerevidenz eingetragen wird, schickt der ÖVP-Politiker einen netten Begrüßungsbrief. "Sehr geehrte Dame!", steht in dem Brief an Frau B. "Als Vizebürgermeister von Wien möchte ich Sie herzlich begrüßen. Ohne mobile Menschen wie Sie wäre unser Europa kein so dynamischer Kontinent." "Ich selbst", schreibt der Vizebürgermeister, "bin kein gebürtiger Wiener, sondern zog vor etwa 35 Jahren aus Niederösterreich hierher. Noch gut erinnere ich mich an meine ersten Monate in einer fremden Stadt: Welche Behörde ist für mich zuständig? Welche Veranstaltungen gibt es, um neue Leute kennen zu lernen?" Um die Anfangsschwierigkeiten in der "fremden Stadt" ein wenig zu erleichtern, legt der Vizebürgermeister auch einen Servicekatalog mit wichtigen Adressen bei. Die "sehr geehrte Dame" hat sich über den Servicekatalog sicherlich gefreut. Ihr Vermieter hat ihn ihrem Rechtsanwalt überreicht. Die Dame ist nämlich im Polizeigefangenenhaus untergebracht. Weil "Zweifel an ihrer Identität" bestanden, wurde sie kurzerhand in Schubhaft genommen. "Ich finde es nett", sagt die Grüne Maria Vassilakou, "dass die ÖVP Bürger mit Schimmelbriefen begrüßt und dann gleichzeitig für restriktive Fremdengesetze stimmt, die die Leute schneller als in allen anderen Ländern in Schubhaft bringen." Vizebürgermeister Görg kann dafür natürlich nichts. Aber vielleicht könnte man im "Schimmelbrief" ein paar Hinweise über den Rechtsschutz gegen die Schubhaft unterbringen. Damit ganz Europa ein dynamischer Kontinent bleibt.

Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536 60-12, E-Mail: klenk@vienna.at.


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