VOR 20 JAHREN IM FALTER

... geriet eine Ankündigung für ein von Friedrich Gulda eingespieltes Bach-Konzert zugleich zu einer Lobeshymne für Gulda.

Vorwort | aus FALTER 05/00 vom 02.02.2000

Hört, hört ... Bach!

Der Gulda wird Bach spielen. Auf dem Clavichord. Er, der noch vor fünf Jahren den Konzertflügel der größeren Klangflexibilität wegen verteidigte, spielt heute Bach nur mehr "auf dem Instrument, das Bach selbst verwenden würde", dem Clavichord.

Man kann schon sagen, er hat es entdeckt für die Bach-Interpretation von heute: jenes primitive Tasteninstrument, bei dem ein einfaches Hebelgelenk die Taste mit einem Metallkiel verbindet, welcher direkt auf die Saite schlägt und diese spannt. Dadurch ist der "Zugriff" zur Saite unmittelbar gegeben. Drückt man die Taste fester, so wird der Ton höher, weil die Saite dadurch stärker gespannt wird. Das macht jeden einzelnen Ton so sexy, ganz besonders, wenn der Gulda seine Finger dranlässt. Ist er doch schon auf dem Flügel der konkurrenzlos beste Bach-Interpret, der mit größter Sensibilität der bachschen Musik eine einheitliche Charaktergebung verweigert und jedem Stück differenziert Temperamente einhaucht, die andere gar nicht zu kennen scheinen. Seit seiner Entdeckung des Clavichords kommt zu seinen poetischen Sinngebungen noch der strange sound dazu. Manchmal wie eine Gitarre, manchmal wirres Gescheppere, das Klappern des Kalif Storch. Wehklagende Fermaten, harte aggressive Staccati. Dagegen ist das Cembalo eine Perversion, ein Korsett.

Es ist förderlich, von Kopf bis Fuß eine natürliche und ungezwungene Haltung einzunehmen, auch wenn es um Bach geht. Es ist kein Zufall und keine Provokation, wenn der Gulda keinen Anzug anzieht. Der ist halt unbequem. Und er misstraut zu Recht dem immer noch existenten courtoisen Publikum, das sich in Fräcke zwängend der Möglichkeit begibt, mitfühlen zu können. Allerdings ist der mancherorts geübte Umkehrschluss, bejeantes Publikum würde ihn besser "verstehen" der Weisheit letzter Schluss doch nicht.


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