AUFGEBLÄTTERT

Kultur | Martin Droschke | aus FALTER 05/00 vom 02.02.2000

Die ungarischen Schriftsteller Laszlo Krasznahorkai und Paul Salamon benutzen zum Schreiben mehrmals dasselbe Papier. Weil ihnen die sozialistische Mangelwirtschaft noch in den Knochen steckt? Oder weil beide, wie ihre Protagonisten, arme Hunde sind, die es aus Ungarn Richtung Westen treibt? Nein. Krasznahorkai und Salamon spielen mit erfundenen Manuskripten, weil ein Autor nicht vorgeben soll, er könnte eine Geschichte erfinden, da alle Geschichten bereits von anderen Autoren erzählt worden sind. Parole "Postmoderne".

In "Krieg und Krieg" von Laszlo Krasznahorkai gibt Györgi Korim sein bürgerliches Leben auf, um seine Umwelt zu nerven, indem er ein zufällig entdecktes Manuskript nacherzählt, das vom Ringen um oder vom Warten auf paradiesische Zustände handelt. Dazu schickt ihn Krasznahorkai nach New York, angeblich lässt sich dort ein literarisches Fundstück am besten ins Internet stellen. In "Der Wahrsager" von Paul Salamon nimmt sich Janos Sorel ein Zimmer in einer Wiener Absteige und entdeckt darin ein Manuskript, das sein späterer Freund, der Dissident György Lazar, verfasst hat. Nicht nur Sorel verliert sich in dessen Lektüre. Auch der Leser des "Wahrsagers", der sich im Ungarn des 2. Weltkriegs widerfindet. Salamon schickt Sorel als Businessmann in die USA, wo er Lazars Roman erfolgreich verhökert. Nach endlosen abgearbeiteten Handlungssträngen hat Lazar genügend Geld, um nach Israel emigrieren zu können.

Es gibt Leser, die können ihren Zeitgenossen nächtelang zuhören und verspüren dabei nicht das Bedürfnis nach einem eigenen Wortbeitrag. Solche Leser könnten die fabulierten Wülste von Salamon und Krasznahorkai begeistern. Und es gibt Menschen, die haben es gern, wenn ihr Gesprächspartner sein Anliegen auf den Punkt bringen kann. Diese seien hiermit gewarnt.

Laszlo Krasznahorkai: Krieg und Krieg. Zürich 1999 (Ammann). 318 S., öS 307,Paul Salamon: Der Wahrsager. Berlin 1999 (Aufbau). 526 S., öS 364,-


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige