VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 07/00 vom 16.02.2000

... erinnerte man an die Komik von Karl Valentin. Und zwar ließ man Max Ophüls erinnern: Und dann "Die verkaufte Braut". Sie kennen "Die verkaufte Braut"? Das ist ein Meisterwerk direkter Naivität; übrigens, wenn Jean Renoir Musik komponiert hätte, dann hätte er vielleicht "Die verkaufte Braut" gemacht. In diesem Film kam ein außergewöhnlicher Komiker vor, der die Rolle des Zirkusdirektors spielte. Lassen Sie mich lieber von ihm als von mir erzählen. Er konnte einen geschriebenen, zu sehr endgültigen Text nicht lernen: Man musste ihm die Szene erläutern, ihm seine Frau, die alles Mögliche spielte, zur Seite stellen, und ihn aus der Situation heraus improvisieren lassen; die von ihm erfundenen Dialoge sind Stücke großer Literatur, sie kommen vom Herzen, mit Humor, beinahe wie bei Schwejk. Er identifizierte sich fürchterlich mit der dargestellten Person; habe ich Ihnen gesagt, dass er den Zirkusdirektor spielte? Nun gut, gut, er begann gegen 10 Uhr. Eines Morgens, ich komme gegen 9 Uhr, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, finde ich ihn vor dem Zelt, das in dem Film als Dekor diente, während er dabei ist, ein Plakat anzubringen, auf dem er geschrieben hatte: "Wer diese Leinwand zerschneidet und wird dabei erwischt, wird bestraft." Er lebte in dem Film, mit jener Geistesart a la Eulenspiegel, grausam, aber von einer Grausamkeit, die nahe beim Herzen ist. Eines Tages, es war 1931, kaue ich ein Stück Gras vor ihm; er sagt zu mir: "Es ist nicht gut, Gras zu essen, wegen der Bakterien." Einige Jahre später, es war 33 oder 34, erhielt ich eine Postkarte, auf die ein Ausschnitt aus einer bayrischen Zeitung geklebt war: "Gestern ist im Dorfspital ein Landwirt gestorben; man hat ihm die Zunge herausschneiden müssen, weil er Gras gegessen hatte." Gezeichnet: "Viele Grüße, Karl."


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige