MORAK - EIN RATSCHLAG: Denken Sie an Don Carlos!

Kultur | HERMANN BEIL | aus FALTER 07/00 vom 16.02.2000

Als der Schauspielschüler Franz Morak vor über dreißig Jahren bei einem Vorsprechen in Frankfurt am Main - ich war damals Dramaturgieassistent der Städtischen Bühnen - mich um Rat fragte, gab ich ihm einen Rat, der, so denke ich, zumindest nicht falsch gewesen ist. Die Szene unserer Begegnung ist mir überdeutlich in Erinnerung, Franz Morak sprach aus Schillers "Don Carlos" vor. Jetzt gehört er einer Regierung an, deren Kanzlermacher die Meinungsfreiheit, wie sie Posa in Schillers Drama fordert, stets für sich selbst reklamiert, als die Freiheit jede nur denkbare Meinung haben zu können, auch ständig wechselnde Meinungen, aber beim Andersdenkenden sie mit allen Mitteln bekämpft, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Heute wird mich Franz Morak gewiss nicht mehr um Rat fragen. Allerdings muss er sich fragen lassen, warum er jetzt den Staatspolitiker spielt, warum und zu welchem Preis er gerade die Rolle jenes Politikers gibt, der mit neuem Amt seine eigenen moralischen Aussagen und Festlegungen sogleich als das Geschwätz von gestern deklariert.

Ungefragt gebe ich Franz Morak, mit dem ich doch vor Jahren als Dramaturg bei seiner ersten Regiearbeit an der Burg - er inszenierte Felix Mitterers "Sibirien" - gerne zusammengearbeitet habe, den Rat, nie zu vergessen, dass er noch immer auf einer Bühne steht, auch wenn er jetzt auf der Regierungsbank sitzt. Das Spiel gerade auf der politischen Bühne überzeugt nur durch Wahrhaftigkeit, durch absolute Wahrhaftigkeit.

Hermann Beil war von 1986 bis 1999 Kodirektor des Burgtheaters und ist derzeit künstlerischer Mitarbeiter am Berliner Ensemble.


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