AUFGEBLÄTTERT

Kultur | Klaus Taschwer | aus FALTER 08/00 vom 23.02.2000

Glaubt man jener Berichterstattung, die in einschlägigen heimischen Qualitätsmedien unter dem Titel "Neues Leben" firmiert, dann scheint Japan zurzeit wieder in aller Munde: Sushi statt Schnitzel ist angesagt und Sencha statt Fanta. Einer, der mit diesem kulinarischen Nipponismus wahrscheinlich nur wenig anfangen kann, ist der großartige japanische Schriftsteller Haruki Murakami - zumindest wenn man danach geht, was in seinen Büchern so gegessen und getrunken wird. Amerikanische Cocktails zum Beispiel. Hajime, der Ich-Erzähler seines neuesten auf Deutsch vorliegenden Romans, ist nämlich Jazz-Bar-Besitzer, so wie Murakami in seinem früheren Leben, ehe er zu schreiben begann.

Ins frühere Leben, in die Kindheit von Hajime, führt uns auch "Gefährliche Geliebte" zurück. Wir erfahren, dass er als gehänseltes Einzelkind aufwächst, die Leidensgenossin Shimamoto zur ersten Freundin hat, ehe sich die beiden mit zwölf wegen einer Übersiedlung aus den Augen verlieren. Wir erfahren, dass Hajime Jahre später Izumi, seine erste richtige Geliebte, mit deren Cousine betrügt; dass er mit 30 Yukiko heiratet, mit ihr zwei Kinder hat - und das Leben seinen gewohnten, gleichförmigen Gang zu nehmen scheint. Doch da, ein Vierteljahrhundert nach ihrer letzten Begegnung, taucht Shimamoto wieder auf. Und die geheimnisvolle Kindergeliebte beschwört all das wieder herauf, was Hajime seitdem verdrängt hat ...

Das bislang fünfte Buch von Haruki Murakami in deutscher Übersetzung ist sein realistischstes, ohne dass es ihm an jener Magie fehlen würde, die schon bisher gefangen nahm. Unprätentiös erinnert es an die eigene Kindheit und legt jene Gefühle frei, die im Laufe unserer Leben verschütt gegangen sind. Sie sind seit einiger Zeit süchtig nach unfermentiertem Tee und essen rohen Fisch? Gut! Dann lesen Sie bitte auch diese Prosa.

Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. Köln 2000 (Dumont Buchverlag). 230 S., öS 290,


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