Standpunkt: Lasst sie tanzen!

Politik | aus FALTER 09/00 vom 01.03.2000

Dagegen sein reicht nicht", tadelt profil und empfiehlt den Demonstranten, doch einmal "richtig nachzudenken". Der Standard erkennt in den Kundgebungen gegen die Regierung "Züge einer MTV-Party". Und die jungen Leute haben dabei auch noch "Spaß, vor allem". Die Veranstalter sollten sich bessern und gefälligst Max Weber lesen. Die Presse ortet "den Triumph der politischen Symbolik auf Kosten der politischen Auseinandersetzung" und fordert "sachbezogene politische Ideen". Alle drei fragen: Wo zum Teufel bleibt die versprochene Politisierung? Mit ihrer Ungeduld ersticken sie die zarte Pflanze im Keim. Die vormals Unpolitischen sind vor gerade einmal einem Monat aufgewacht, demonstrieren seit Ende Jänner. Wann sollen sie da den Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik verstanden haben? Der Zugang zur Politik über die Gefühlsebene mag Kopfmenschen Angst machen. Es ist aber besser, als nie Zugang zu finden. Manche Demo-Veranstalter wollen verhindern, dass DJ-Busse mitfahren. Weil eine Demonstration eine politische Manifestation, aber kein Fest sei. Weil das neu ist und deshalb unheimlich. Unsinn! Lasst sie tanzen! Das treibt sie nicht automatisch der SPÖ oder einem "besseren Haider" in die Arme. Und dann lesen sie irgendwann vielleicht und hoffentlich Max Weber nach.


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