Ornament statt Askese

Kunst. Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) starb als Architektur-Behübscher der Nation. Dass er einst beinahe ein Avantgardist war, hatte man schon fast vergessen.

Kultur | Matthias Dusini | aus FALTER 09/00 vom 01.03.2000

Es war das Ende eines langen Arbeitstages. Das junge Paar in der Gemeindebauwohnung lag bereits im Bett, als es klingelte. Der Meister persönlich stand vor der Tür. Um sich mit ihnen über den störenden Ast vor dem Badezimmerfenster zu unterhalten, den die Mieter gerne abgesägt hätten, und um eine Verletzung der Naturganzheit zu verhindern. Überraschend strenge Worte aus dem Mund eines Lebensreformers, der 1972 den Anspruch des Individuums auf Gestaltung seiner Umwelt als "Fensterrecht" formuliert hatte. Das Hundertwasserhaus, in dem sich diese Begegnung zwischen Bewohnern und Baukünstler ereignete und an dem in diesen Februartagen schwarze Trauerfahnen und Antiregierungstransparente hängen, war bei seiner Fertigstellung im Jahr 1985 der Etappensieg eines scheinbar antiarchitektonischen Programms.

Bereits 1958 hatte Friedensreich Hundertwasser, angewidert von der geometrischen Einfalt der Wiederaufbaumoderne, die Lösung in der Verschimmelung gesucht. Im "Verschimmelungsmanifest"


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