Comandantina Dusilova

Stadtleben | aus FALTER 09/00 vom 01.03.2000

Fortgehfrühling Erst kommen die Gefühle, dann der dazugehörende Frühling. Das soll mit dem Längerwerden der Tage zu tun haben, habe ich irgendwo gelesen. Sei es, wie es ist: Die Frühlingsgefühle sprießen wie Parktulpen aus den aschfahlen Beeten unserer politischen Depressionen. Wolfgang Schüssel, der Mann, den sie Kanzler nennen, hat die Rechnung ohne den Frühling gemacht. Die demonstrante Fortgehlust der 2000er wird unter lauen Lüften nicht leiden. Wolfgang Schüssel wird beunruhigt das Gegenteil dessen beobachten dürfen, was er als letztes Aufbäumen vereinzelter Verstörter missverstand. Er wird auf dem zum Provinzfest verkommenen Opernball aus der Kanzlerloge winken, mit einem ehernen Lächeln, das ein stilles "endlich" flüstert. Er wird ganz im Einklang mit seinem brillanten Ego die Opernballdemonstrationen als missratenen Applaus begreifen und den Unmut der "Randalierenden" für eine chaotische Inszenierung internationaler "Kreise". Ja, Wolfgang Schüssel würde selbst den Frühling als überzogene Reaktion missverstehen. Wolfgang Schüssel, ein Klassensprecher, der Mitschüler, aber keine Freunde hat, ein Fußballer mit gebügelten Schuhbändern, ein Jazzmessenministrant, der sich vor Charlie Parker fürchtet: "Danke für diesen schönen Morgen ..."


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