Streifenweise

Kultur | Drehli Robnik, Michael Omasta | aus FALTER 10/00 vom 08.03.2000

Endlich gibt es auch hierzulande ein genuines Plagiat von US-Independent-Krimis der Marke "Todsicherer Plan schlägt fehl und nimmt abstruse Wendungen, die in einem Blutrausch kulminieren". So was passiert ja stationär in Innenräumen ("Reservoir Dogs", "Bound") oder im Winter ("Fargo"); beides jedoch bietet Thomas Roths "Kaliber Deluxe". Der in Wien und Umgebung spielende Film ist mit betont grell und unappetitlich zugerichteten Mimen aus der BRD besetzt sowie mit einer Französin, die ihre Zeilen phonetisch gelernt hat. Im Grunde sind hier jedoch alle damit befasst, Texte aufzusagen - und dabei Sager abzuliefern, coole bzw. hysterische Posen auszuführen, bemühte Suspense- oder Verwechslungssituationen auszusitzen und Pistolen waagrecht zu halten, weil der Herr Drehbuchdoktor gesagt hat, dass man das jetzt so macht. Bela B., der Drummer der Ärzte, spielt auch mit (aber warum?), und es läuft zweitklassiger Country- und Industrial Rock, und zwar möglichst oft.

Von einem ganz anderen Kaliber, aber gleichfalls aus Österreich, ist Andreas Webers dreiviertelstündiger Film "Der Speckjäger", ein auf Video gedrehtes Porträt des Schriftstellers und Schriftsetzers Hermann Gail. Dieser lebt in Wien oder besser in seinem vollkommen eigenen "Parallel-Wien", der abgeschiedenen Welt einer Altbauwohnung, in der, so wie die Bohnenstangen im Märchen, Büchertürme schwankend in unendliche Höhen wachsen. Gails Obsession - das Aufspüren, Einsackeln, Heimtragen von Büchern - grenzt, wie sich der Grenzgänger selbst hilflos eingesteht, an eine Krankheit: freilich an eine, die ihm einzig das Leben noch lebenswert macht. Einmal, nachdem die Kamera sich Zutritt zu seinem geheimnisvollen Reich verschafft hat, stürzt dem alten Herrn ohne Vorwarnung ein Stapel Bücher auf den Kopf ... Ein bestürzender, bestürzend komischer Film.

Als Matinee im Votiv, So 12.30 Uhr.


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