Aufgeblättert

Kultur | Klaus Taschwer | aus FALTER 10/00 vom 08.03.2000

Bekannt und geschätzt war der Vizconde de Lascano Tegui bestenfalls bei Eingeweihten. Ihm schien das allerdings nicht viel auszumachen. In seinem intimen Tagebuch "Von der Anmut im Schlafe", das vor drei Jahren erstmals auf Deutsch erschien, hieß es jedenfalls: "Nichts macht so traurig wie die Popularität. Sie versteht es, uns dieselbe Bitterkeit, diesen Groll einzuflößen, der uns bedrückt, nachdem wir mit einer Frau geschlafen haben." Das Diarium wurde zumindest ein Kritikererfolg, und Deutschlands wohl beste Literaturzeitschrift Schreibheft widmete dem (falschen) Vizegrafen in Heft 49 prompt ein ganzes Dossier. Da ließ sich bereits ahnen, dass man vom Argentinier, der zwischen 1887 und 1966 lebte und 20 seiner besten Jahre in Frankreich verbrachte, wohl noch mehr zu lesen bekommen würde.

Voila: Freunde der etwas anderen Literatur können sich ab sofort mit Lascanos außergewöhnlichem Roman "Familienalbum mit Bildnissen von Unbekannten" beglücken. Darin wird vom Versicherungsinspektor Michael Bingham berichtet, der am 8. Juni 1900 ein schweres Eisenbahnunglück überlebt und sich in den folgenden 21 Jahren ganz in die Genealogien von sechs zu Tode gekommenen Mitreisenden vertieft hat, um daraus wahrscheinlichkeitstheoretische Schlüsse zu ziehen. Letzteres gelingt nicht wirklich. Doch die Kurzporträts der Opfer und ihrer (häufig skrofulösen) Vorfahren, die teilweise bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden, zählen zu den absoluten Höhepunkten gelehrsam-skurriler Fabulierkunst - irgendwo zwischen Jorge Luis Borges, Raymond Roussel und dem späten Georges Perec. Vizconde de Lascano Tegui: Familienalbum mit Bildnissen von Unbekannten. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Wien 2000 (Zsolnay). 181 S., öS 248,Schreibheft. Zeitschrift für Literatur 49. Essen 1997 (Rigodon).


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