"Todesbeschleunigung"

NS-Prozess: Der Psychiater und langjährige Gerichtsgutachter Heinrich Gross war während der NS-Zeit an mehreren Tötungen von Kindern in der Klinik Am Spiegelgrund beteiligt. Erst jetzt wird ihm der Prozess wegen Beteiligung am Mord gemacht. Wenn er ihn nicht verhindert.

Politik | Gerald John | aus FALTER 11/00 vom 15.03.2000

Der Besuch des Doktor Heinrich Gross war kurz. Dennoch wird sich Friedrich Z. sein Leben lang daran erinnern. "Umdrehen!" befahl Gross dem damals 14-Jährigen anno 1943. Ein kurzer Stich mit der Nadel ins Gesäß, dann wurde Friedrich speiübel. Zwei Stunden lang marterte ihn ununterbrochener Brechreiz. Dass es anderen "Patienten" der NS-Kinderklinik "Am Spiegelgrund" noch schlimmer erging, konnte der Junge durch einen schmalen Fensterschlitz von seiner Zelle aus beobachten: Immer wieder wurden Leiterwägen mit toten Kinderkörpern vorbeigerollt.

Gut drei Jahrzehnte später blickt Friedrich Z. wieder in die Augen des Doktor Gross. Der Mediziner arbeitet als Gerichtsgutachter, der Gefangene Z. wird ihm vorgeführt. "Sind Sie schon einmal psychiatriert worden", fragt Gross. "Für einen Akademiker haben Sie ein schlechtes Gedächtnis", antwortet Friedrich Z.: "Kennen Sie mich nicht?" Gross wird kreidebleich. In seinem Gutachten zitiert der Psychiater dann eine am Spiegelgrund angefertigte Expertise


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