Aufgeblättert

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 11/00 vom 15.03.2000

Der Gefahr der Kindesverkitschung entgeht Nicholson Baker in seinem jüngsten Roman "Norys Storys", der die Welt durch die Augen der neunjährigen Eleanor Winslow betrachtet, souverän. Die Titelheldin ist eine aufgeweckte, aber keineswegs unangenehm altkluge Person mit einem auffälligen Interesse für Zahnheilkunde; und zudem ausgestattet mit jener unbändigen Neugierde für die geheimen Korrespondenzen der Dinge und der Wörter, die wir auch aus den anderen Büchern des Autors kennen. Baker kopiert das kindliche Idiom nicht, macht es sich aber auf äußerst charmante Weise zunutze; etwa die Diskrepanz zwischen dem grausamen Geschehen und einer doch erstaunlich gelassenen Erzählhaltung oder Verstöße wider die Rechtschreibung, die dennoch Recht behalten, wenn sich Nory in die erwähnte Geschichte vom brennenden Regen "völlig hineinversengt".

Als verzogener Fratz wirbelt Eloise durch die diversen Korridore und Stockwerke des New York Plaza, um - betreut, aber keineswegs unter Kontrolle gebracht von einer sechsundachtzig Kilo schweren liebenswerten Nanny - der dort anwesenden Erwachsenenwelt das Luxusleben zu verleiden, das Eloise (Lieblingssatz: "Das geht auf die Rechnung") selbst in vollen Zügen genießt. Die Sängerin/Arrangeurin Kay Thompson und Zeichner Hilary Knight haben mit dem 1955 erstmals veröffentlichten und nun wieder aufgelegten "Eloise" ein herrlich dekadentes (in Schwarz-Weiß-Pink gehaltenes) Bilderbuch geschaffen, das "nichts an anarchistischem Schwung und komischer Kraft eingebüßt hat" (Robert Gernhardt).

Nicholson Baker: Norys Storys. Roman. Deutsch von Eike Schönfeld. Reinbek 2000 (Rowohlt). 320 S., öS 307, Kay Thompson / Hilary Knight: Eloise. Deutsch von Joachim Kalka. Berlin (Berlin Verlag). 60 S., öS 219,


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