Nazis am Himmel & sonst wo

Chile: Roberto Bolano saß unter Augusto Pinochet im Gefängnis, seine Abrechnung mit dem Regime wird zum poetischen Höhenflug.

Extra | Edgar Schütz | aus FALTER 12/00 vom 22.03.2000

Es gibt einen Trick, sich den Roman "Stern in der Ferne" des Chilenen Roberto Bolano einzuverleiben, ohne auch nur eine Zeile gelesen zu haben. Ein Blick in Bolanos grotesk-fiktives Lexikon "Die Naziliteratur in Amerika" genügt. Dort findet sich auf 25 Seiten - komprimiert wie bei "Reader's Digest" - die Geschichte des "schrecklichen Ramirez Hoffmann", dessen Laufbahn um 1970 ihren Anfang nahm, als Salvador Allende Präsident von Chile war. Abgesehen davon, dass Ramirez Hoffmann in der Romanfassung Carlos Wieder heißt und auch weitere Protagonisten andere Namen tragen, ist der Plot hier bereits vorgeschrieben. Ein schmieriger Extrempoet schleicht sich unter falschem Namen in eine linksidealistische Dichterwerkstätte in Santiago de Chile ein, wo er zum Missfallen der anderen Nachwuchsliteraten weibliche Teilnehmerinnen erfolgreich betört. Im Rückspiegel der Erinnerungen entpuppt er sich als verruchtes Monster, das der Autor stellvertretend für alle Verbrecher der Pinochet-Diktatur


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