Streifenweise

Kultur | Isabella Reicher | aus FALTER 12/00 vom 22.03.2000

Die strenge Regel besagt, es brauche Orientierung. Ein vorsichtiges Heranführen, schriftliche Absicherung und Klarheit über das Wer, Wo und Wann. Aber es gibt auch Filme, die beginnen einfach so. Zum Ende des Sommers bei einer Wohnungsbesichtigung, die - wir bemerken es bald - im Zeichen einer Trennung steht. "Fin aout, debut septembre" von Olivier Assayas führt dieses wendige, leichte Erzählen bis in die Montage seiner Szenen fort: Assayas blendet immer wieder mitten in Bewegungen, in Situationen ab ins Schwarz. Wie ein Nachbild bleibt dann die letzte Einstellung noch als kurzer Schatten zurück, während man schon zur nächsten Episode übergeht. Die Kamera ist eine mobile kleine Aufzeichnungseinheit, die den Personen nahe rückt, ohne ihnen auf diese Weise zu nahe zu treten. Eine Beziehung zu den Figuren und ihrer Geschichte stellt sich erst allmählich, über die Dauer des Films her: ein Jahr - "Ende August, Anfang September", in kurzen, atemlosen Zügen. Ein Jahr im Leben eines Freundeskreises. Ein Jahr, in dem Beziehungen enden und neue geknüpft werden, in dem man einen Freund verliert, die meisten in schlechten Jobs zu wenig Geld verdienen und alle älter werden.

Schreie und Flüstern. Blut und Tränen. Verregnete Tage, geteilte Nächte. Es ist schön zu sehen, wie der französische Regisseur die innere Ruhelosigkeit seiner Charaktere, verglichen mit seinen ersten Filmen, zunehmend auf die Ebene der Inszenierung verlagert hat - und im Gegenzug dafür ihre Sprache (und seine Dialoge), das Schauspiel, den unmittelbaren physischen Ausdruck ihrer Befindlichkeiten und der Situationen zurücknimmt. Wie die Kamera ihnen in Momentaufnahmen zusieht und sich beim Zuschauen allmählich eigentümliche Zuneigung zu den Personen entwickelt. Der schönste Neustart dieser Woche.


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