Spielplan

Kultur | Helmut Ploebst | aus FALTER 13/00 vom 29.03.2000

Das wahre Glück war dem "experimentellen" Theater in Eva Brenners Projekt Theater Studio bisher nicht vergönnt. Allzu ausgiebig zum Beispiel hat das Studio zuletzt an Beckett herumgeschustert. Mit "Phantom:Liebe" beginnt nun ein neuer Zyklus; zu Teil 1 wurden die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz und die New Yorker Choreographin Mary Overlie gerufen. Ausgangspunkt der Arbeit war ein älteres Streeruwitz-Konzept, das 1998 von museum in progress in Folder-Form vertrieben worden war: "The 1st 40 years I kept looking for my God". Overlie holt rührende Feinheiten aus den vier Akteuren; nach grausam outrierendem Gebrüll zu Beginn des Stücks verstricken sich die Darsteller in absurde Aktivitäten. Beschworen werden ein Horror Vacui und "the deepest anguish of expectation". Und alles - eigentlich eben nichts - passiert an einem 13. Juli. Humor blitzt auf. Die Schauspieler verzichten kurz auf Worte und konzentrieren sich auf ihre Körpersprache. Der Einfluss der Choreographin hat dem Ganzen gut getan.

Noch einmal die Liebe. Aber diesmal ordentlich, so richtig "Meaty", wie auch das vom britischen Performer Nigel Charnock für das Tanztheater Wien (TTW) choreographierte Stück heißt, das zur Zeit im WUK läuft. Das wahre Glück stellt sich auch hier nicht ein. Im Programmheft droht Charnock: "Wir werden so lange auf uns eingehen, bis wir wissen, was es bedeutet, Fleisch zu sein." Jetzt wissen sie es. Wir leider auch. Der Choreograph hat aus den guten Tänzerinnen und Tänzern des TTW trockeneisumwölkte Fleischlaberln gemacht, sie in penetrantem Licht bei mieser Musik halb gar gemacht und schließlich mit Wasser abgelöscht. Charnock ist seinen Interpreten in puncto Selbstzerfleischung um Lichtjahre voraus. Sein Versuch, aus jedem einen kleinen Nigel herauszuholen, scheitert. Das schweißtreibende Unternehmen "Meaty" beweist, dass ein exzellenter Soloperformer und beliebter Pädagoge noch lange kein begabter Choreograph sein muss. Sein Einfluss hat dem TTW schlecht getan.


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