Comandantina Dusilova: Sommerzeit

Stadtleben | aus FALTER 13/00 vom 29.03.2000

Wie wir alle wissen, ist die Zeit etwas Relatives. Bemühen wir dazu ein bekanntes kulturelles Paradigma: Während die Turmuhren im fernen Rankweil noch zum Käsknöpfleessen läuten, stellen Wiener Kellner schon den Espresso auf den Tisch. Und obwohl die Sonne eine gute Stunde später in den abendlichen Bodensee sinkt als ins Schilf des Neusiedler Sees, zwingt uns ein nationaler Schulterschluss zum Gebrauch einer gemeinsamen Zeit. Milch, die um sechs Uhr morgens im kleinen Walsertal gemolken wurde, kann deshalb gefahrlos mit Milch gemischt werden, die um sechs Uhr morgens aus Oberwarter Eutern lief. Zeitgleich Gezapftes gesellt sich gern. Die Kühe sämtlicher österreichischer Melkgaue wurden sogar extra auf dieses täglich zur gleichen Zeit vorgenommene Prozedere konditioniert. Ähnliches gilt für Fiebermessen im Spital, Staustehen auf Stadtautobahnen und das Verfassen von Falter-Kolumnen. Solche Dinge haben zu exakt vorgeschriebenen Uhrzeiten zu geschehen. Jedes Jahr werden diese Naturgesetze rüde umgestoßen. Aus undurchsichtigen Gründen werden Sommerzeiten ausgesprochen, Milchkühe eine Stunde zu früh gemolken und selbstverständlich auch Patienten eine Stunde zu früh fiebergemessen. Warum nur, warum?www.geocities.com/Pentagon/4404


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