Aufgeblättert

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 14/00 vom 05.04.2000

Hält man sich an die Umfrage unter österreichischen Schriftstellern, die den jüngsten Band der Profile beschließt, steht fest, dass die Avantgarde weitgehend als historisch gilt und der Begriff ungeeignet ist, emphatische Stellungnahmen hervorzubringen - sieht man von Thomas Glavinic ab, der die Auffassung vertritt, die Avantgarde habe "unseren Ruf im Ausland versaut" und "auch die nachfolgenden Generationen verhunzt". Abgesehen von solchen Statements ist es dem von Thomas Eder und Klaus Kastberger herausgegebenen Band "Schluss mit dem Abendland" um eine differenzierte Auseinandersetzung mit der österreichischen Avantgarde zu tun - vor allem in der Doppelgestalt von Wiener Gruppe und Wiener Aktionismus. Setzt sich Kastbergers einleitender Beitrag mit dem verspäteten Auftreten der Avantgarde auseinander ("Österreich hatte [...] keine Avantgarde nötig, Österreich hatte seinen Karl Kraus"), so arbeitet Ferdinand Schmatz die Unterschiede zwischen der aktionistischen "Ästhetik des Gefühls" und der analytischen Herangehensweise der Wiener Gruppe am Beispiel der Gegensatzpaare Künstlichkeit vs. Natur, Bayer vs. Nitsch heraus.

Wendelin Schmidt-Denglers Beitrag befasst sich mit den Korrespondenzen der Wiener Volkskomödie mit dem Theater der Wiener Gruppe, deren politische Auffassungsunterschiede Thomas Eder beleuchtet. Über die männerbündische Doppelavantgarde geht Juliane Vogels Beitrag mit einer sezierenden weiblichen Avantgarde hinaus, und auch Konrad P. Liessmann eröffnet mit einem Aufsatz zur politisch fragwürdigen Geschichte der Avantgarde eine weitere Perspektive, in der es unter anderem um die Subventionierung und die "christologische Struktur moderner Kunst" geht.

Thomas Eder und Klaus Kastberger (Hg.): Schluss mit dem Abendland. Der lange Atem der österreichischen Avantgarde. Profile. Magazin des österreichischen Literaturarchivs. Band 5. Wien 2000 (Zsolnay). 157 S., öS 175,Präsentation am 12.4., 19.30 Uhr, in der Buchhandlung Amadeus (6., Mariahilfer Straße 99).


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