Aufgeblättert

Kultur | Tobias Heyl | aus FALTER 16/00 vom 19.04.2000

Es gibt eine ganze Menge Leser der Zeit, die sich mit guten Gründen weigern, deren buntes Leben überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, aber trotzdem jede Woche auf Lily Bretts "Brief aus New York" warten, der dort seinen festen Platz hat. Diese Fans können sich nun gut 50 Briefe als Buch ins Regal stellen. Man wird darüber streiten können, ob der Titel "New York" die Sache tatsächlich trifft, eigentlich müsste dieses Buch schlicht und einfach Lily Brett heißen. Über New York nämlich erfährt man aus diesen Briefen kaum etwas, was man nicht auch schon von Woody Allen wüsste: Dass die Menschen dort neurotisch und die Mieten hoch sind, dass der echte New Yorker jedoch in keiner anderen Stadt der Welt leben kann. New York aber ist die ideale Bühne für große und kleine Alltagsdramen, wie sie Lily Brett erleidet.

Es kommt wahrscheinlich selten vor, dass eine Frau Mitte fünfzig so selbstironisch und diskret ihr Lebensgefühl artikulieren kann. Da spürt sie versteckten Fettpölsterchen nach, lauscht fassungslos den Ausführungen ihrer Tochter über Oralsex, verflucht die Zeiten, da sie als Mutter vollständig von der Hausarbeit absorbiert war: Banalere Geschichten, sollte man meinen, kann es nicht geben. Hätte man diese Frau zur Mutter, würde sie mit ihren kleinlichen Ängsten und Klagen ganz sicher nerven. Lily Brett aber erzählt ihre Abenteuer in einer Weise, dass man plötzlich doch wissen will, wie sich so ein Leben zusammenfügt. Sie klagt nicht und sie stilisiert sich nicht zum Opfer; oft geht sie sich wohl selber am meisten auf die Nerven. Aber man liest ihre Briefe schon deshalb gerne noch einmal am Stück, um zu beobachten, wie der Alltag seine tragischen Heldinnen hervorbringt.

Lily Brett: New York. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Wien 2000 (Deuticke). 159 S., ÖS 218,


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