Stadtrand: Präsentierteller

Stadtleben | aus FALTER 17/00 vom 26.04.2000

Die Filiale eines Asia-Food-Anbieters im ersten Bezirk verfügt über einen schick designten Gastgarten, in dem es sich sommers gut sitzen lässt. Weil aber in der City irgendwie alles enger ist und das Lokal direkt an einem Sightseeing-relevanten Trampelpfad liegt, kann es vorkommen, dass die Touristenströme einem direkt durchs fernöstliche Mittagessen spazieren. Mehr oder weniger sitzt man hier auf dem Präsentierteller. Und weil die Wienbesucher natürlich so programmiert sind, alles zu sehen, zu verstehen und zu kommentieren, wird auch das kommentiert, was die versammelte Mittagesserschaft da so vor sich stehen hat: "Igitt! Roher Fisch! Das ist doch ekelig!" "Kuck mal Mutti, ein Japaner!" "Suppe mit Stäbchen essen - das könnte ich nicht." Aha! Wer Ramen-Suppentopf isst, kann in dieser Situation wenigstens zurückspritzen. Nur für den Fall, dass der Andrang der Neugierigen zu groß wird. Aus reiner Notwehr.

Toll war übrigens auch jene Dame, die sich tatsächlich vor den Essenden aufbaute und fragte: "Schmeckt das?" Immerhin hat sie damit dem Servierpersonal schon eine Menge Arbeit abgenommen. Sonst fragt hier nämlich niemand den Gast, ob es ihm geschmeckt hat.

Hat es nämlich nicht. C. W.


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