Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 18/00 vom 03.05.2000

... lobte eine Ausstellungskritik den Stellenwert der Wiener Gemeindebauten im ehemals roten Wien zwischen den Weltkriegen.

Wien hat eine revolutionäre Vergangenheit. Was erst die italienische und französische Linke ausgraben musste: dass nämlich das Wien der Zwischenkriegszeit, das Rote Wien, das erfolgreichste Beispiel reformsozialistischer Politik in Westeuropa ist. Eine Ausstellung im 20er-Haus soll nun die vorbildlichen Leistungen der damaligen Sozialdemokratie würdigen und den Zugang zu ihren bisher schlecht dokumentierten Reformaktivitäten erleichtern.

Ein Aufsatz von Klaus Novy, "Sozialisierung von unten - Überlegungen zur vergessenen Gemeinwirtschaft im ,Roten Wien' 1918-1934" in der Zeitschrift mehrwert Nr. 19, gibt einen guten Überblick, wie "revolutionär" die Wiener Reformen waren: Am bekanntesten ist die Wohnungspolitik geworden. Die Hausherrenrente wurde "nullifiziert" durch Mietstopp und Inflation, und die Wohnungsversorgung wurde von der Gemeinde übernommen. Über 60.000 Wohnungen wurden gebaut, und die niedrigen Mieten konnte sich jeder leisten. Die Wohnungsvergabe funktionierte nach einem Punktesystem, das die Bedürftigkeit indizierte. Die Finanzierung erfolgte nach einem differenzierten Luxussteuersystem, das so auf die Wiener Verhältnisse abgestimmt war, dass eine Stadtflucht der Reichen verhindert wurde. Die Wohnungen waren keine düsteren Löcher, auf engem Raum zusammengedrängt, sondern Prachtbauten. "Licht in der Wohnung, Sonne im Herzen" lautete die Parole. Gemeinschaftseinrichtungen ermöglichten eine ganz neue Wohnkultur. Beim Aufbau konnten die zukünftigen Bewohner mitarbeiten.


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