Kalter Wind, alter Bauer

Musik. Mit seinem jüngsten Album "Silver and Gold" begibt sich Neil Young einmal mehr aufs Feld, um zu ernten, was er vor Jahrzehnten gesät hat.

Kultur | Thomas Miessgang | aus FALTER 18/00 vom 03.05.2000

Neil Young hat mich einmal in der fern zurückliegenden Jugend kalt erwischt: "Cold wind ripping down the alley at dawn, and the morning paper flies." Vorgetragen mit dieser Stimme, die in der Rockmusik ihresgleichen sucht: Fragil, feminin, in den höchsten Lagen um Töne kämpfend, stets von Erosion und Absturz bedroht. Eine Stimme wie eine Wunde, die den Körper dem Schmutz und der Entzündung aufschließt.

Den Titel des Stücks weiß ich nicht mehr. Es war jedenfalls auf der Live-Doppel-LP "Four Way Street" von Crosby, Stills, Nash and Young, die längst im Archiv der schattenhaften Erinnerungsreste abgelegt wurde.

Der kalte Wind, der im Morgengrauen die Straße hinunterfegt: Das war eine Gefühlsverdichtung, die als poetische Frühsiebziger-Zeitdiagnose genauso gelesen werden konnte wie als Bestimmung eines seinsvergessenen adoleszenten Selbst. Der kalte Wind fegte durch die geordnete Harmonienwelt von Crosby, Stills und Co. und sorgte für jenes Quäntchen Irritation und Wahnsinn, das


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