Nerven wie ein Kosmonaut

Literatur. In zwei Reiseerzählungen beschreibt Olga Sedakova die Realgroteske des spät- und postsowjetischen Russland.

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 20/00 vom 17.05.2000

Wie spät kann der Kapitalismus noch werden?" stand einst auf Plakaten zu lesen, als es auf der Uni noch Teach-ins gab. Den realen Sozialismus hat er mittlerweile jedenfalls überlebt. Über das Leben des Menschen im Spät- und Postsozialismus gibt die 1949 geborene Lyrikerin, Übersetzerin und Prosaschriftstellerin Olga Sedakova in einer "verspäteten Chronik" Auskunft, in der sich die Autorin aus der Distanz von fünf Jahren an eine "Reise nach Tartu und zurück" erinnert, die sie unternommen hat, um am Begräbnis des bedeutenden Literaturtheoretikers und Semiotikers Juri Lotman (1922-1993) teilzunehmen. Als klassisches Drama betrachtet, bestand die spätsozialistische Biografie aus einer langen Exposition und unmittelbar darauf folgendem Finale: ",Das ganze Leben liegt vor dir ...', so besang der Mensch jener Jahre seine ewig währende Exposition, insgeheim wusste er aber, dass es lange, ach, lange und unwiederbringlich hinter ihm lag."

In der "Reise nach Brjansk", dem früher (1984)


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