Sprechende Reifen

Literatur. In seinem hervorragenden Roman "Milch und Kohle" rekonstruiert Ralf Rothmann die kleinbürgerliche Welt des Ruhrpotts in den Sechzigern - intensiv und diskret zugleich.

Kultur | Tobias Heyl | aus FALTER 21/00 vom 24.05.2000

Die Lektüre von Ralf Rothmanns Romanen bewirkt körperliches Unwohlsein: Während man mit ihnen lebt, mag man nicht mehr an Alkohol, Nikotin, Sauerbraten oder Sex denken. Diese Bücher drängen ihre Figuren dem Leser so hautnah auf, dass es kein Entkommen gibt. Dabei sind sie weit davon entfernt, den Ekel durch breite Schilderungen der Auswirkungen von billigem Rotwein in Korbflaschen oder verunglücktem Petting in Jugendzimmern herbeizuschreiben. Rothmann lässt seine Figuren aus einem minutiös geschilderten Ambiente hervortreten, das die kleinbürgerliche Welt des Ruhrgebiets von der Speisekarte billiger Tanzlokale bis hin zu kleinen, charakteristischen Gesten und Wendungen festhält. Diese Welt ist mit der Schließung der großen Zechen und Hüttenwerke verschwunden.

Ralf Rothmanns neuer Roman "Milch und Kohle", der Ende der Sechzigerjahre spielt, kann deshalb als Epitaph auf eine Welt gelesen werden, der mancher sentimental nachtrauern mag. Noch mehr aber ist er der - wohl autobiografisch


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