Aufgeblättert

Kultur | Wolfgang Paterno | aus FALTER 22/00 vom 31.05.2000

Das Warten hat ein Ende: Seit Henri-Frederic Blanc in "Der Mann im Lift" (1994) einen kasernierten Medienfuzzi im Lift weich kochen ließ, hat sich auf dem Gebiet des Fahrstuhlromans wenig getan.Der Journalist Colson Whitehead hat nun "Die Fahrstuhlinspektorin" vorgelegt. Lila Mae Watson ist die erste Farbige in der "Fahrstuhlinspektorenbehörde". Es geht Schlag auf Schlag, Stockwerk um Stockwerk: Ein mysteriöses, weltumstürzlerisches Komplott wird geschmiedet, Schwarz kämpft gegen Weiß, Fahrstühle gegen Rolltreppen. Der Leser erfährt auch noch das ein oder andere über "Fahrstuhlinspektorenmentalität". Das wars dann. Man muss also noch länger auf den nächsten Fahrstuhlroman warten.

Erfreuliches hingegen ist in Sachen U-Bahn-Roman zu melden. Die letzte größere Aufregung im Untergrund datiert auch schon aus dem Jahr 1913, als Bernhard Kellermanns "Der Tunnel" erschien. Geoff Ryman, im Hauptberuf im Bereich Neue Medien tätig, hat in "253. Der U-Bahn-Roman" (seit 1996 unter http://www.ryman-novel.com/ im Internet) die Unterwelt wieder entdeckt. Ryman wühlt sich mit streng diszipliniertem Tunnelblick vor: 252 Passagiere und ein U-Bahn-Fahrer, aufgeteilt in sieben Waggons mit je 36 Sitzplätzen, sind am 11. Jänner 1995 von 8 Uhr 35 bis 8 Uhr 42 eine Station lang unterwegs. Jeder Passagier wird mit 253 Worten in jeweils drei Kapiteln beschrieben ("Äußere Erscheinung, Private und berufliche Information, Was sie/er gerade tut oder denkt"), nach den sieben Minuten Fahrt herrscht Totenstille. Ein pageturner: schnell die überbordende Sammlung von Mikroszenen und witzigen Vernetzungen vor dem finalen Clash fertig lesen. Lifte besser vermeiden, U-Bahn fahren!

Colson Whitehead: Die Fahrstuhlinspektorin. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Hamburg 2000 (Hoffmannund Campe). 317 S., öS 291,-.

Geoff Ryman: 253. Der U-Bahn-Roman. Deutsch von Lutz-W. Wolff. München 2000 (dtv premium). 356 S., öS 204,-.


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