Comandantina Dusilova: Schlafen ist notorisch

Stadtleben | aus FALTER 22/00 vom 31.05.2000

Der schläft, den küssen die Götter, lehrt uns ein georgisches Sprichwort. Deswegen schlafen die Grusinierinnen so oft wie möglich. He, aufpassen! So oft habe ich geschrieben, nicht so viel. Die Georgierinnen schlafen nicht mehr als andere, sie schlafen nur richtiger, denn sie schlafen immer dann, wenn ihnen danach ist. Die Georgierinnen gelten schon deshalb als ausgeschlafene Damen, weil bei ihnen dem Minutenschlaf jene Ehre zuteil wird, um die in unseren Breiten noch der Achtstundenschlaf heftig kämpfen muss. Während Italienerinnen und Spanierinnen - mit nicht mehr als einem Tässchen schwarzen Kaffees im Magen - noch in ihren kleinen und feinen Designerkosmetikstudios zur Schönheit liegen, muss unsereine schon an Tabellenkalkulationen und Vorberichten feilen, Konzepte lackieren und Formate ondulieren. Währenddessen, während also bei uns sehr götterungeküsst gerackert wird, räkelt sich die orientalische Geschäftsfrau maximal in der kamelledernen Polstermöbelgarnitur, für deren Kauf sie sich so gegen Mittag entschieden haben wird. Auch die berühmte Vormittagsmütze Schlaf, die jeder Französin seit der Revolution zusteht, hat sich bei uns noch nicht als Menschenrechtsstandard durchgesetzt. Ein Jammer!


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige