Standpunkt: ORF-Lücken

Politik | aus FALTER 24/00 vom 14.06.2000

Es schien recht mutig vom ORF, ausgerechnet in Zeiten, in denen er von der FPÖ immer wieder heftig attackiert wird, eine Dokumentation über das "dritte Lager" in Österreich auszustrahlen. 35 Minuten lang war der neu produzierte Film auch recht informativ, kritisch und ausgewogen.Von den letzten zehn Minuten kann man das leider nicht mehr behaupten. Die waren Jörg Haider gewidmet: Die Machtübernahme am Innsbrucker Parteitag - kein Wort von den antisemitischen Ausfällen beim Sturz Norbert Stegers. Kein Satz über die rechtsextremen Kontinuitäten in verschiedenen schlagenden Burschenschaften und entsprechende Querverbindungen zu FPÖ-Mitarbeitern. Dann der Text: Haider habe im Umgang mit der NS-Vergangenheit Österreichs "Tabus gebrochen". Das hat Franz Vranitzky allerdings auch. Die "ordentliche Beschäftigungspolitik", die "ideologische Missgeburt" oder die Krumpendorfer Rede vor SS-Veteranen bleiben unerwähnt. Für eine Historie des "dritten Lagers" nicht ganz unwesentliche Informationen, doch der ORF enthält sie seinen Sehern vor. Fragt sich nur, warum. Vorauseilender Gehorsam gegenüber der größeren Regierungspartei? Oder Lücken in der Recherche der Beitragsgestalter? Letzteres ist eher unwahrscheinlich. G.J.


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