Im Anfang war der Mund

Ernst Jandl (1925 - 2000). Der vielleicht populärste moderne Lyriker der Gegenwart hat Experiment und Existenzielles, spielerischen Humor und grimmigen Zorn in einem einzigartigen Werk vereint. Vergangene Woche ist er gestorben.

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 24/00 vom 14.06.2000

(...)

und einen toten mehr und einen lebenden sehr weniger Ernst Jandl: "der leichenzug" Im Anfang war der Mund. Und diesem Mund entrang sich noch kein Wort. "ich habe meine mutter durchlocht / als ich herauskam, oh welcher schrei" ("der schrei"). Das war am 1. August 1925 in Wien. Ein Umstand, dem der Betroffene in seinen späten Gedichten nicht gerade hochgestimmt kommentierte: "zwei tiere reichten aus, maskulin feminin, um ineinander / steckend, schwitzend keuchend schreiend oder geräusch vermeidend / einen neuen menschen zu schweinen: mich, ERNST JANDL."

Der Autor wandte sich dagegen, dergleichen platterdings als Äußerung persönlicher Befindlichkeit zu nehmen. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass sein Schaffen in den letzten Jahrzehnten zusehends stärker auf die eigene Person rekurrierte. Jandl selbst hat auf die "thematische Verdüsterung und eine Steigerung verbaler Aggressivität (...), die vom Leben seines Autors vermutlich nicht zu trennen ist" verwiesen,


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