Bedient: Du Haider-Wähler!

Politik | aus FALTER 25/00 vom 21.06.2000

Der "öffentliche Anstand" ist ein hohes Gut. Am Kommissariat Josefstadt ist der Polizeijurist Oberrat Magister Jerabek dazu abkommandiert, diesen Anstand in seinem Bezirk aufrechtzuerhalten. Seine Beamten legten ihm eine brisante Anzeige mit der Aktenzahl S 60.993-J/00 vor. Ein Mann hat nämlich beim Hintereingang des Grauen Hauses seinen Mittelfinger gehoben. Oberrat Jerabek griff durch und hämmerte in die Tasten seiner Amtsschreibmaschine: "Strafverfügung: Sie haben am Hintereingang des Landesgerichtes durch das Zeigen des gestreckten Mittelfingers der rechten Hand ("Stinkefinger") den öffentlichen Anstand verletzt. Wegen dieser Verwaltungsübertretung werden über Sie 1000 Schilling (72,67 Euro) Strafe verhängt. Falls diese uneinbringlich sind, wird eine Ersatzfreiheitsstrafe in der Höhe von 36 Stunden verhängt." Das sitzt. Doch der Oberrat ist gnädig. Der Anstandsverletzer wurde wegen seines Deliktes auch in Haft genommen. Eine Viertelstunde. Das wird berücksichtigt: "Gem. § 19 VStG wird die erlittene Vorhaft von 11.25 bis 11.40 = 15 Min. = öS 10,- auf die Strafe angerechnet." Darf man seinen Finger nun nicht mehr recken, ohne ins Gefängnis zu kommen? "Sie können den Fall ja bis zum Verwaltungsgerichtshof durchjudizieren", rät der Rat. Auch ein anderer Unwilliger wird das nun probieren: "Sie haben am 25.4. in Wien 1, Ballhausplatz, durch das Verwenden der Worte wie ,Schüssel, das miese Orschloch' den öffentlichen Anstand verletzt", schrieb die Polizei. In einem anderen Verfahren bestrafte sie einen Demonstranten, weil er einen Polizisten "als Nazi und Haider-Wähler" beschimpfte. Wenn das keine üble Nachred ist! F. Klenk Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536 60-12, E-Mail: klenk@vienna.at


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