Vor 20 Jahren im Falter

... sah sich Franz Schuh gezwungen, auf eine im "Kurier" erschienene Theaterkritik, verfasst von Jens Tschebull, zu reagieren.

Vorwort | aus FALTER 26/00 vom 28.06.2000

Was empfinden Sie?

Ein Wirtschaftsjournalist, das ist in Österreich jemand, der einer englischen Ideologie des 19. Jahrhunderts anhängt, dem Manchester-Liberalismus, in einer freilich modifizierten, praktikablen Form. Er hält sich für einen Anti-Marxisten, weil er gegen die Gemeinde Wien ist, und er hat auch sonst einen klaren Blick, der aufgeklärt und selbstsicher die Gegebenheiten der Gesellschaft absucht.

Der Wirtschaftsjournalist verfehlt das Ideal der Kultur. Da er aber ressortmäßig unzuständig ist, wird ihm das niemand vorwerfen; im Gegenteil, der Mut zu überschreiten ist ihm anzurechnen, zumal er ja beim Überschreiten des Ressorts eines Fürchterlichen gewahr wird, nämlich der Komödie "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" von Botho Strauß: In einem Hotel, das vermutlich die Bundesrepublik Deutschland symbolisieren soll, wird verwirrend (und keineswegs provozierend) gezeigt, dass der Autor einChaotiker ist, der mit den simplen Konfliktsituationen des Lebens - wie Liebe und Leistungsdruck, Arbeit und Macht, Fresslust und seelischen Hunger - nicht fertig wird Der Journalist, das ist klar, wird selbst (nicht nur mit der Kultur) nicht fertig. Vielleicht kommt er gerade noch mit der Fresslust zurande, aber sonst bleibt da noch genug seelischer Hunger. In der Aggression verrät es sein Unbewusstes: Nicht Botho, sondern der Aggressor ist der chaotische Seelenkrüppel, der die Konfliktsituationen des Lebens nicht meistert. Man höre den ressortüberschreitenden, kulturkritischen Aphorismus: Das Beachtenswerteste an Botho Strauß in meiner Ansicht nach sein Vorname (Kurier). Was soll man glauben, wenn das ein Mann sagt, der mit Vornamen "Jens" und "Tschebull" der Familie nach heißt?


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