Streifenweise

Kultur | aus FALTER 26/00 vom 28.06.2000

Anlässlich der Ausstellung "Norden" in der Kunsthalle Wien hat der Filmkritiker Alexander Horwath eine kleine, dennoch feine Reihe titels "Kino/Norden" programmiert. Neben Arbeiten der üblichen Verdächtigen - Carl Theodor Dreyer, Ingmar Bergman, Aki Kaurismäki, Lars von Trier (der unter anderem mit "Medea", einer selten gezeigten Verfilmung eines Drehbuchs seines Landsmanns Dreyer vertreten ist) - wartet die Retrospektive im Wiener Filmcasino zudem mit raren Meisterwerken aus der Frühzeit der skandinavischen Kinematographie auf.

Die Komödie "Thomas Graals bester Film" etwa, entstanden 1917 unter der Regie des für die Svenska Biograf arbeitenden Mauritz Stiller, zählt zu den ersten Filmen überhaupt, in denen das neue Medium selbst die Hauptrolle spielt. Die Handlung entwickelt sich aus der professionellen Mesalliance des Titelhelden, eines berühmten Drehbuchautors, mit seiner jungen Sekretärin Bessie, deren frei erfundene Lebensgeschichte ihn schließlich zu seinem neuen, lange überfälligen Manuskript inspiriert. Stillers Film wiederum entsteht sozusagen parallel zu Graals Drehbuch, aus dem ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen: der wahren Geschichte Bessies, der Geschichte eines gestressten Autors bei der Arbeit - und eben der Geschichte, die er gerade niederschreibt.

Der Drehbuchautor Thomas Graal wird übrigens von Victor Sjöström gespielt, dem zweifellos bedeutendsten schwedischen Regisseur dieser Zeit, von dem "The Outlaw and His Wife" (1918 ebenfalls für Svenska Biograf realisiert) auf dem Programm steht: Ein eisiges Naturdrama, rund um eine vermögende Witwe, die einem zwielichtigen Fremden zuliebe nicht nur all ihren Grund und Boden, sondern zuletzt auch ihr Leben opfert ... Louis Delluc, französischer Cineast, anno 1921 über diesen Film: "Er ist das erste Liebesduett, das man im Kino gehört hat. Ein Drama? Ich weiß nicht. Menschen, die lieben und leben. Das ist alles."

M. O.


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