Comandantina Dusilova: Weiße Nächte

Stadtleben | aus FALTER 27/00 vom 05.07.2000

St. Petersburg ist berühmt für seine weißen Nächte. Die heißen so, weil dort jetzt die Sonne erst gegen elf Uhr abends untergeht. Das Gefühl von so einer weißen Nacht ist wie Jetlag ohne dazugehöriges Reiseerlebnis. In dieser Stimmung gingen wir runter zum Strand, damals 1997, und tranken ein bisschen Wodka. Vom Hotel, wo wir wohnten, ist es nicht weit zum Strand, denn das Hotel liegt direkt am Industriehafen. Und ein Industriehafen ist ja so was wie ein Strand. Weil Wodka sehr von innen wärmt, wollte ich unbedingt Schwimmen gehen. Wo doch da ein Meer war. Also zog ich mich aus, bestieg ein rostiges Ladawrack und sprang nixenhaft in den finnischen Meerbusen. Nach dem Auftauchen warf ich den umstehenden Tirolern Feigheit vor dem Wasser vor. Und dass sie keine Tiroler seien. Die Tiroler aber standen bis zu den dürren Unterschenkeln im Wasser und grinsten alpin. Denn mehr noch als stolz sind die Tiroler vorsichtig. Da war der Korse aus anderem Holz. Warm war auch ihm im finnischen Meerbusen, und seltsam fluoreszierte er. Am Strand, der ganz und gar aus Beton gegossen war, tanzten wir dann auf Glasscherben bis in den sehr, sehr frühen Morgen. Und seither weiß ich, dass es richtige Männer nur in Korsika gibt.


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