"sätze sind kalauer"

Literatur. Was bedeutet es, wenn einer sagt: ICH SCHREIBE? Eine kleine Philosophie des Schreibens.

Kultur | Franz Schuh | aus FALTER 28/00 vom 12.07.2000

In Wien habe ich einen Lesekreis gekannt. Dieser Kreis wurde von freundlichen Menschen gebildet, die zusammentrafen, um nett über von ihnen auserwählte Bücher zu sprechen. Plötzlich aber brach der Kreis auseinander. Was war geschehen?

Es war ein Buch ausgesucht worden, von dem man immer schon wissen wollte, was drinsteht; es ist das Buch, in dem der Satz vorkommt: "sätze sind kalauer", der Satz also, den ich als Zitat für den Titel meines Vortrags annektiert habe. Das Buch entzog dem Lesekreis, der lange funktionierte, den Grund. Man fand keine Möglichkeit, über Oswald Wieners "DIE VERBESSERUNG VON MITTELEUROPA. ROMAN" in der gewohnten Art zu sprechen, und ich halte es für keine schlechte Idee, angesichts der Existenz nur eines einzigen Werkes, das die gewohnten Redeweisen unmöglich macht, sofort auseinander zu gehen. Sollte man, wenn auch das Misstrauen der Sprache gegenüber ein Klischee geworden ist, nicht wenigstens dort misstrauisch werden, wo das Vertrauen in die Sprache


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