Aufgeblättert

Kultur | Stefan Ender | aus FALTER 28/00 vom 12.07.2000

Es war einmal ... die Pubertät. Ein mühsamer Lebensabschnitt im Allgemeinen, ein Dauermurks vom zaghaften Sprießen der Gesichtsbehaarung bis zum erstem Kuss. Vielleicht nur die männliche Sicht der Dinge? Mara jedenfalls, 13 Jahre alt, marschiert souverän und unbeeindruckt durch diese Zeit: "Es gibt keinen Grund, sich zu schämen." Und so zieht sie mit ihrer buckligen Freundin Lori durch Discos, sammelt erste sexuelle Erfahrungen und erwählt dann aus der Schar ihrer Verehrer ausgerechnet Helmi, das unsichere, blasse Pickelgesicht. Mara macht mit Helmi, was sie will, sie quält ihn physisch und psychisch; doch am Ende des Buches ist auf einmal sie die Geschlagene. Die 38-jährige Holländerin Manon Uphoff hat mit "Schlafkind" einen stimmigen Debütroman vorgelegt, ein kluges, klar gezeichnetes Familienporträt, eine unsentimentale und trotzdem ergreifende Geschichte über die Unausweichlichkeit der Liebe.

Auch Anke Velmeke, in etwa gleichen Alters wie ihre niederländische Schriftstellerkollegin, stellt in ihrem ersten Roman "Luftfische" ein Mädchen in den Mittelpunkt, das langsam dem Familienverband entwächst: "Lene war dreizehn, kein Kind, auch wenn dreizehn kein Alter ist." Ihr Vater, "der Mann", "der Dachdecker", herrscht über die Familie wie ein riesenhafter, brutaler Dämon. Die Mutter, mehr Schattenbild als reales Wesen, verlässt das Haus fast gar nicht mehr, liegt bis Mittag im Bett, trinkt Rotwein und raucht sich schlussendlich zu Tode; die beiden Brüder werden von ihrem Vater regelmäßig verprügelt. Nur Lene, "die Einzige, die sich je gewehrt hat", wird vom Vater respektiert. Kontrastierend zu diesem deprimierenden Inhalt erzählt Velmeke wunderbar leicht, traumverloren und "taschentuchsanft", angenehmerweise mehr dem atmosphärischen als dem faktischen Erinnern verpflichtet. Danke, Anke.

Manon Uphoff: Schlafkind. Aus dem Niederländischen von Thomas Hauth. Stuttgart 2000 (DVA). 206 S., öS 248,- .

Anke Velmeke: Luftfische. München 2000 (C.H. Beck). 156 S., öS 214,-


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