Comandantina Dusilova: Hermes' Falten

Stadtleben | aus FALTER 29/00 vom 19.07.2000

Briefe werden gemeinhin gefaltet, bevor sie in Kuverts gesteckt werden. Das hat nicht nur technische, sondern auch höchst kontemplative Gründe. Ein ungefaltetes Blatt Brief ist selbst in höchstem Zustand der Sendefähigkeit, selbst im perfektesten Zustand des Fertiggeschriebenseins noch unfertig genug, zerknüllt und damit verworfen zu werden. Briefe, die sich der Komposition bis zur Faltung hingeben konnten und den Weg bis ins Kuvert gefunden haben, können im Regelfall damit rechnen, auch abgeschickt zu werden. Das Falten, darin können wir uns einig sein, darf als der eigentliche Approbationsvorgang betrachtet werden. Das Zukleben des Kuverts, ja sogar das Aufkleben von Marken und Draufschreiben einer Adresse sind nur mehr Formsachen. Im Falten liegt der Geist des Schickens. Nun gibt es, die gängigen Formate vorausgesetzt, exakt zwei Arten, einen A4-formatigen Brief für das Einstecken in ein A6-formatiges Kuvert zu falten. Die gesamte mir bekannte Menschheit faltet dabei das Blatt in der Hälfte, dreht das entstandene Produkt um 90 Grad und faltet es noch einmal in der Hälfte. Nur Hermes Phettberg knickt Briefe erst der Länge nach zu Hochhalbfaltungen, um sie erst dann profan zu A-sechsen.


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