Verletzte Unschuld

Affäre Gross. Der altersschwache NS-Arzt Heinrich Gross und sein Anwalt Nikolaus Lehner zerren Medien, die Zeitzeugen zitieren, vor Gericht. Die Justiz gab Gross nun Recht. Die Opfer sind erschüttert. Dürfen Medien über deren Leidensgeschichten nicht mehr berichten?

Politik | Gerald John und Florian Klenk | aus FALTER 31/00 vom 02.08.2000

Das Urteil des Wiener Straflandesgerichts, das vor kur-zem dem ORF zugestellt wurde, hats in sich: "Es steht für Medienkonsumenten fest, dass sich Heinrich Gross durch verschiedene Winkelzüge trotz dessen Schuld anders als andere bislang seiner gerechten Strafe habe entziehen können." Durch diese Behauptung, so die Richter im Grauen Haus, sei dem NS-Arzt eine Entschädigung für die "erlittene Kränkung" zu bezahlen. 30.000 Schilling hat der ORF an den des neun-fachen Kindsmords angeklagten, aber nicht verurteilten Gross zu überweisen: Verletzung der Unschuldsvermutung.

Was ist da geschehen? Wurde Heinrich Gross nicht in einem zivilrecht-lichen Urteil des Oberlandesgerichts 1981 vorgehalten, "nicht bloß an einigen wenigen, sondern an einer größeren Zahl von Tötungen beteiligt gewesen zu sein"? Sind seither nicht 19 Jahre vergangen, ohne dass Gross vor den Richter gestellt wurde? Noch brisanter wird das bislang unbekannte Urteil, wenn man die Hintergründe betrachtet. Der ORF wurde


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