Vergammelt und vergessen /Meinung I: "Belassen, wie sie sind"

Stadtleben | Matthias Dusini | aus FALTER 31/00 vom 02.08.2000

Von einer architektonischen Vertikalen überwältigt zu sein, den Stahlbeton von Industrie- und Militärbauten zu genießen, blanke geometrische Formen in ihrer mächtigen Nutzlosigkeit wirken zu lassen, Konstruktion und Verschalung in eine verrückte Spirale der Sinnvernichtung zu schrauben: Es gibt kaum Gebäude, die dermaßen gemischte Gefühle auslösen wie die Flaktürme.

Die Diskussion um das Hrdlicka-Denkmal und Rachel Whitereads steinerne Bibliothek am Judenplatz machten bewusst, dass ästhetische Phänomene keinesfalls über politische Argumente erhaben sind. Die Flaktürme behalten diesbezüglich ihre ambivalente Denkmalwürdigkeit. So modern wurde in Wien selten gebaut. Bezeichnenderweise nicht für eine kühne soziale Architekturutopie, sondern für den bekannten militärischen Zweck. Andererseits mobilisieren die Bauwerke auch die weithin verbreiteten Abwehrhaltungen gegenüber moderner Architektur: brutal, menschenverachtend, schiech - das Gegenteil von Hundertwasser.

Da es in Wien - im Gegensatz zu Städten wie Innsbruck oder München - kaum Beispiele für Nazi-Architektur gibt, sind die Flaktürme die beredtsten Monumente der Zeit, nicht als anziehende, sondern abschreckende Zeitdokumente. In ihrer lästigen, unübersehbaren Präsenz ironisieren sie aber auch die omnipotente Rede der Denkmalpfleger: Man kann sie nicht wegmachen, obwohl natürlich jeder Baum im Rokokokunstwerk des Augartens viel wichtiger wäre.

Die Riesentrümmer mit den Mickey-Mouse-Ohren zu belassen, wie sie sind, ist die beste Möglichkeit, den Denkmalcharakter der Türme hervorzustreichen. Möglicherweise werden aber die Nutzungspläne vollbringen, was bisher keine Sprengstoffladung geschafft hat: Zerstörung durch Kulturalisierung; Aussichtscafe statt Taubenscheiße, Kunst statt Sichtbeton. Im gegenwärtigen Zustand sind sie beeindruckende Mahnmale einer Dialektik der Moderne.


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